DER EINFACHE NÄHRSTOFFKREISLAUF

Wieviel kostet eigentlich ein Liter Flüssigdünger im Baumarkt?

Fünf Euro, zehn Euro, zwanzig Euro – je nach Marke und Versprechen. Dazu Verpackung, Transport und ein System, das Pflanzen nur kurzfristig versorgt, während Böden langfristig verarmen.

Als Permakultur Gestalter, der mit der Natur und ihren Kreisläufen arbeitet, begleitet mich diese Frage. Und sie führt mich immer wieder zu derselben Erkenntnis: Die wertvollsten Nährstoffe haben wir entweder ständig bei uns – später im Artikel mehr dazu – oder sie entstehen täglich direkt in unseren Küchen und Gärten.

In meinen Projekten in Kenia und Südostasien habe ich erlebt, wie Menschen mit einfachsten Mitteln fruchtbare Böden aufbauen. Dort fließen organische Reste, Pflanzenmaterial und menschliche Ausscheidungen selbstverständlich in den natürlichen Kreislauf zurück und werden nicht aufwändig zu einem Wertstoffhof weggebracht. Denn in diesen Regionen gibt es nicht die Möglichkeit zu einem Baumarkt zu fahren und sich schnell mal Dünger zu kaufen. Hier werden Kreisläufe geschlossen, um Stabilität im Garten zu schaffen.

Bei uns ist das noch anders. Alle zwei Wochen frage ich mich, warum es eigentlich die Biotonne gibt. Denn in diesem Rhythmus wird bei meinen Nachbarn wahres Gärtnergold abtransportiert. Wertvolle organische Reste werden teuer – und fossil angetrieben – abgeholt und verarbeitet um dann im Frühjahr wieder als teure Erde verkauft zu werden. Warum eigentlich? Behalten sie bitte ab jetzt ihre kostbaren Schätze und machen es selbst. Und ja, vor allem auch im urbanen Raum. Ich zeige ihnen diesen Monat wie.

Regenwurmfarm bei der Nachbarin.

Wir füttern stets das Bodenleben und nicht die Pflanzen

Eine besonders einfache Form der Nährstoffrückführung und somit Düngung des Bodens – denn wir füttern stets das Bodenleben und nicht die Pflanzen – ist die Direktkompostierung. Ihre täglichen Küchenabfälle in Form von Gemüseschalen, Obstresten und Kaffeesatz werden, mit etwas Wasser vermischt, in einem Mixer fein zerkleinert und anschließend abgesiebt. Die festen Bestandteile kommt direkt unter die Mulch Schicht im Beet. Dort übernehmen Regenwürmer, Pilze und Mikroorganismen die Weiterverarbeitung. Aus den Küchenresten entsteht somit wieder Humus. Somit gibt es auch keine Abfälle, sondern nur einen geschlossenen Kreislauf.

In Sommermonaten siebe ich das Wasser nicht aus und gebe es in der komplett gemixten Mischung unter den Mulch. Somit bekommen die Pflanzen auch noch etwas Wasser und das kann man ja nicht wirklich als Gießen bezeichnen. Im Verhältnis 1:10 – mit Wasser verdünnt -eignet sich das abgesiebte Wasser ansonsten hervorragend zur Versorgung von Zimmerpflanzen. Ein frischer, lebendiger Flüssigdünger aus eigener Herstellung sozusagen.

Eine weitere Möglichkeit die täglich anfallenden Küchenabfälle wieder in den Kreislauf zu bringen ist eine Wurmfarm. Das hört sich jetzt größer an als es wirklich ist. Eine Wurmfarm ist nichts anderes als eine Kiste oder Eimer, in der Regenwürmer, genauer gesagt Kompostwürmer leben. Kompostwürmer kommen natürlicherweise unter verrottenden Pflanzen vor und machen keine Gänge wie ihre großen Verwandten die Tauwürmer, sondern leben direkt in der abgestorbenen Organik. Sie helfen aber trotzdem fleißig mit, organisches Material zu zersetzen. Ihre Ausscheidungen enthalten fünfmal mehr Stickstoff, siebenmal mehr Phosphat und elfmal mehr Kali enthält als die umgebene Erde. So wie es Charles Darwin schon in seinem Buch „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ 1881 beschrieben hat.

Regenwürmer haben keine Zähne – sie können nur saugen oder schlürfen. Deshalb ist ihnen sehr geholfen, wenn sie auch hier ihre Küchenabfälle vorher klein mixen damit sie es direkt weg schlürfen können. In den Wintermonaten sollten sie jedoch mit Zitrusschalen aufpassen da diese in zu großer Menge zu sauer für die kleinen Helfer sind. Die Kiste, oder wie in meinem Garten eine ganze Badewanne, sollte unten einen Ablauf für das austretende Wasser haben damit die Würmer nicht ertrinken. Je nach Bauweise stellen sie eine Schale darunter oder, wie auf dem Bild aus Kenia, den ganzen Eimer etwas schräg damit das Wasser zu einer Seite in ein Gefäß abfließen kann. Dieser „Wurmtee“ ist pures flüssiges Gold, dass sie 1/5 mit Wasser gemischt vergießen können.

Pflanzenjauche? Stinkt die nicht zum Himmel?

Wenn ihnen so eine Kiste oder Badewanne zu umständlich ist können sie eine Wurmkiste auch direkt in ihr Beet stellen. Dafür nutzen sie einen gelochten Eimer, stellen ihn in ein gleichgroß ausgehobenes Loch im Beet, sodass am Ende nur noch der Deckel zu sehen ist und befüllen den Eimer täglich mit ihren klein gemixten Küchenabfällen. Die Würmer können somit – wie bei einem Buffet – in den Eimer rein und auch wieder hinaus. Im Eimer wird gegessen. In der Beet Erde wird ausgeschieden – getrennt wie im Restaurant.

Wer Platz hat kann einen klassischen Kompost anlegen oder einen platzsparenden Kalkompost auf dem Balkon ansetzen. Dazu komme ich aber im nächsten Monat, da dies sonst die Seitenzahl sprengen würde.

Neben der Direktkompostierung bewähren sich Pflanzenjauchen als kraftvolle Ergänzung um ihr Bodenleben zu stärken und aufzubauen, damit diese die Nährstoffe besser und schneller verarbeiten können. Brennnessel, Beinwell, Löwenzahn oder Schachtelhalm werden mit Wasser angesetzt und mehrere Tage vergoren. Während dieses Prozesses lösen sich Nährstoffe, Enzyme und Mikroorganismen.

Pflanzenjauche? Stinkt die nicht zum Himmel? Sollte sie nicht!

Klären wir erstmal, warum sie stinkt. Brennnessel ins Wasser, umrühren, zwei Wochen abgedeckt stehen lassen, fertig. So ist es überall zu lesen und in jedem Gartenratgeber angegeben. Stinkt danach sehr übel – weil sich die Pflanzenteile im Wasser zersetzen und die Bakterien, die in den Pflanzenteilen enthalten sind, allen Sauerstoff aus dem Wasser veratmen.

Wenn die Jauche dann nach zwei Wochen geöffnet wird, hat man zwar einen hohen Stickstoffanteil durch die Auslösung der Pflanzenteile, aber auch einen sehr schwierigen pH-Wert und man bekommt zudem eine sehr faulige Biologie – bei der ich mich immer gewundert habe, warum man das so macht. Die aeroben, sauerstoffatmenden Bakterien sterben in der Jauche, weil nach spätestens einer Woche kein Sauerstoff mehr im Wasser vorhanden ist. Dann übernehmen anaeroben Bakterien – welche unter Luftabschluss überleben können.

Wenn diese Jauche dann nach zwei Wochen an den Boden gegeben wird, muss das aerobe Bodenleben schon sehr stark sein, um mit den anaeroben Kollegen umgehen zu können. Das bedeutet Krieg – denn beide wollen überleben. Zudem riechen Schnecken die Fäule und werden davon magisch angezogen.

 Das ultimative Jauche Rezept:

Wie mache ich meine Jauche? Meine Jauche setze ich genauso an wie überall beschrieben. Brennnessel oder Beinwell ins Wasser und stehen lassen. Aber meine darf maximal zwei bis drei Tage stehen. Nach dieser Zeit wird sie leicht milchig an der Oberfläche. Das Milchige ist genau das, was ich haben möchte. Genau genommen sind es die Bakterien, die ich haben möchte. Das sind die Bakterien, die sich durch den Sauerstoff im Wasser exponentiell vermehren. Nach zwei bis drei Tagen gebe ich diese vermehrten Bakterien, vermischt im Gießwasser, an meine Bodenbakterien. Ich verfüttere sie sozusagen an mein Bodenleben. Und weil die Bakterien im Wasser geschwächt sind, werden sie von meinen Bodenbakterien gefressen. Diese werden durch den kleinen Snack stärker und können besser und schneller Humus aufbauen. Mehr dazu im Buch „Humussphäre“ von Herwig Pommeresche. Verdünnt ausgebracht stärken solche Jauchen zwar auch etwas das Pflanzenwachstum, fördern aber vor allem das Bodenleben und erhöhen die Widerstandskraft der Kulturen.

Von der aufgenommenen Nahrung und somit den Nährstoffen werden etwa 60–70 % über Urin und Stuhl wieder ausgeschieden

Kommen wir zum Schluss noch zu den Nährstoffen, die wir täglich bei uns haben. Denn raten sie mal, wie viele der von uns aufgenommenen täglichen Nährstoffe wir flüssig oder fest wieder ausscheiden.

Von der aufgenommenen Energie und Mineralstoffen werden etwa 60–70 % über Urin und Stuhl wieder ausgeschieden, vor allem als Wasserlösliche Nährstoffe wie Stickstoffverbindungen, Kalium, Phosphor, Magnesium und viele Spurenelemente. Nur etwa 30–40 % werden verwendet und in Körperstrukturen eingebaut.

Ein gesunder Mensch scheidet täglich etwa 1,5 Liter Urin aus. In industriellen Abwassersystemen löst sich dieser wertvolle Rohstoff in der Kanalisation auf, wird mit großem Aufwand gereinigt und meist in Flüsse geleitet – während gleichzeitig mineralischer Dünger mit hohem Energieaufwand produziert und teuer eingekauft wird. Studien der Universität Birmingham aus dem Jahr 2024 zeigen, dass gerade der Stickstoff und Phosphor aus Urin im Boden das Pflanzenwachstum ähnlich oder sogar besser unterstützt wie synthetische Dünger.

Und jetzt rechnen sie mal: Pro Tag 1,5 Liter Urin – 1:10 mit Wasser verdünnt – sie bekommen so ganz einfach 15 Liter Dünger – jeden Tag! Und was kosten 15 Liter Dünger im Baumarkt? Sehen sie… Und rechnen sie das mal auf die deutsche Bevölkerung hoch. Wir brauchen keinen teuren Dünger, sondern sollten wieder unsere natürlichen Kreisläufe schließen. Außerdem riecht das keineswegs. Wenn das Bodenleben nicht ganz geschwächt ist – wie ein konventionell landwirtschaftlicher Acker nach jahrelangem Pflügen und spritzen – wird der Urin direkt verarbeitet und es entsteht kein Geruch.

Viele Freunde berichten mir, dass diese Lösung bei Zimmerpflanzen oder im Gemüsebeet eine spürbare Wachstumsstärkung bewirkt – ohne zusätzliche Kosten und ohne Plastikverpackung.

In aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen wurden, in getrennt gesammeltem menschlichen Urin, auch Arzneimittelrückstände und Hormone nachgewiesen, da ein Teil vieler Medikamente über den Urin ausgeschieden wird. Allerdings zeigen Studien aus Deutschland und der Fachzeitschrift FRONTIERS (Front. Environ. Sci. , 16. Januar 2023, Abschnitt Wasser- und Abwassermanagement), dass die Aufnahme dieser Spurenstoffe durch die Pflanzen nur sehr gering ist und gesundheitlich keine relevanten Belastungen erzeugt. Solche Forschungsergebnisse sind wichtig, weil sie zeigen: Werden Nährstoffe aus menschlichen Quellen sauber getrennt, aufbereitet und kontrolliert eingesetzt, kann diese Form des Dünger-Recyclings umweltverträglich und sicher sein. Wer mehr darüber lesen möchte dem empfehle ich diese zwei Bücher:

“The Humanure Handbook” von Joseph Jenkins und “Liquid Gold” von Carol Steinfeld

Sicher gibt es auch deutsche Lektüre dazu, die mir jedoch nicht bekannt ist.

Wenn wir also wieder beginnen, Nährstoffe als Teil natürlicher Kreisläufe zu betrachten statt als Abfall, verschieben wir unsere Perspektive grundlegend und übernehmen Verantwortung. Zudem sparen wir Energie, reduzieren externe Inputs und tragen zur aktiven Kreislaufwirtschaft bei. In vielen Regionen der Welt gilt fruchtbarer Boden als größter Reichtum. Er sichert Ernährung, Gesundheit und Zukunft. Wer beginnt, seine Nährstoffe im eigenen Garten zu halten statt sie von außer zuzuführen, baut genau diesen Reichtum auf.

Mein Tipp für diesen Monat

Beginnen Sie klein:

  • Küchenreste sammeln
  • klein mixen
  • unter Mulch verteilen
  • Jauche ansetzen

Ich verspreche ihnen: Der Boden reagiert. Die Pflanzen danken es. Und das System wird jedes Jahr stabiler.

Denn… Es wird sich nichts ändern, wenn sich nichts ändert!

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