Ich habe mich mit meiner Freundin und Permakultur-Gestalterin Karin Frank über Hügelbeete, Naturverständnis und über zehn Jahre Erfahrung mit Gärten unterhalten, die (weitgehend) ohne Bewässerung auskommen.
Denn genau darum geht es in dieser Kolumne: Wie können wir Gärten so gestalten, dass sie nicht permanent von uns abhängig sind und was können wir von der Natur lernen, wenn wir aufhören, sie ständig kontrollieren zu wollen?
Karin beschäftigt sich seit vielen Jahren genau mit diesen Fragen. Seit 2014 entwickelt sie Gemeinschaftsgärten und Hügelbeet-Systeme, die nicht nur produktiv, sondern auch pflegeleicht und für die Menschen angenehm zu bewirtschaften sind. Was mich an ihrer Arbeit besonders fasziniert: Sie denkt nicht zuerst darüber nach, wie sie einen Garten möglichst intensiv bewirtschaftet, sondern wie sie ein System gestalten kann, dass mit möglichst wenig Aufwand funktioniert. Und deshalb beginnen wir ganz vorne.

Hügelbeet Gemeinschaftsgarten – Obst und Gemüse am selben Platz (Copyright Karin Frank)
Karin, wer bist du und wie bist du zur Permakultur gekommen?
Schon als Kind und Jugendliche habe ich mich intensiv mit der Natur beschäftigt. Die Vorstellung, dass wir Menschen unsere eigene Lebensgrundlage zerstören, hat mich früh beschäftigt und schockiert. Permakultur war für mich deshalb nicht einfach eine Methode, die ich irgendwann gelernt habe, sondern vielmehr etwas, das ich rückblickend schon immer in mir getragen habe. 2014 bekam ich dann die Möglichkeit, einen großen Gemeinschaftsgarten für Freizeitgärtner in Marquartstein zu gestalten. Rund 4.500 Quadratmeter standen zur Verfügung. Damit begann ein praktisches Experiment, das bis heute andauert.
Warum hast du dich gerade für Hügelbeete entschieden?
Die Ausgangssituation war eigentlich ganz einfach: Die Menschen, die den Garten später nutzen wollten, hatten weder unbegrenzt Zeit noch Lust, ständig Geld und Arbeit in eine Fläche zu investieren, die ihnen nicht gehörte. Der Gemüsegarten musste also funktionieren, ohne für die Beteiligten zu einem zweiten Beruf zu werden. Gleichzeitig wollte ich einen Ort schaffen, an dem Menschen sich gerne aufhalten, sich begegnen und gemeinsam gärtnern können. Daraus entstand mein Ansatz, die Beete so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Pflege benötigen und trotzdem zuverlässig Ertrag liefern. Dabei ging es von Anfang an um die Frage: „Was braucht der Mensch – und was braucht die Natur?“
Was bedeutet für dich „mit der Natur arbeiten statt gegen sie“?
Wir müssen zunächst verstehen, wie die Natur funktioniert und agiert. Unsere eigenen Wünsche können wir dann klug in diese natürlichen Prozesse integrieren. Wenn uns das gelingt, arbeitet die Natur für uns mit. Das macht sie gerne, weil ein Zusammenwirken alle beteiligten Elemente bereichern kann. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Gedanke. Wir sollten der Natur nicht ständig etwas abringen und gegen sie kämpfen. Wir dürfen unsere Gestaltungen so anpassen, dass natürliche Prozesse für uns arbeiten können.
Was können wir von natürlichen Ökosystemen lernen?
Ein Ökosystem denkt nicht in einzelnen Elementen, Pflanzen oder einzelnen Aufgaben. Alles ist miteinander verbunden und bildet einen großen Kreislauf, in dem es keinen wirklichen Anfang und kein Ende gibt. Es ist ein umfassendes Räderwerk, das mit geringstem Aufwand fortlaufend funktioniert. Und genau so darf auch unser Gärtnern sein – wenn es leicht gehen und gelingen soll.
Aber wie schaffen es deine Hügelbeete, ohne Bewässerung auszukommen?
Ich denke beim Thema Wasser gar nicht an ein künstliches Bewässern. Stattdessen beobachte ich intensiv das Wetter und das Naturgeschehen. Und danach richtet sich mein Handeln. Dafür dürfen wir stets „am Ball – im Geschehen“ bleiben und der Natur möglichst eine Nasenlänge voraus sein, um zu erkennen, wann zum Beispiel ein geeigneter Pflanzzeitpunkt ist. Wir schauen, dass der Hügel stets gut „getankt“ ist und nicht austrocknet. Da spielt zum Beispiel die Aufbauzeit, passendes Mulch und gut überlegte Bepflanzung eine Rolle.

Hügelbeet Gemeinschaftsgarten Oberösterreich (Copyright Karin Frank)
Was passiert eigentlich in einem Hügelbeet?
Entscheidend sind die inneren Werte und die gesamte Komposition. Mein Ziel ist es, ein langlebiges System zu entwickeln, das nicht nach wenigen Jahren wieder komplett neu aufgebaut und ständig gefüttert werden muss. Im Inneren des Hügels laufen ständig natürliche Prozesse ab: Organisches Material wird abgebaut, Humus entsteht, Nährstoffe werden freigesetzt und Wasser kann gespeichert werden. Ein Hügelbeet ist sinngemäß eine Art Kompostwerk, das gleichzeitig bepflanzt wird. Und genau darin liegt für mich der Schlüssel. Denn ein gutes System versucht nicht nur, Wasser zuzuführen. Es versucht vor allem, vorhandenes Wasser im System zu halten.
Gibt es tatsächlich Gemeinschaftsgärten, die komplett ohne Bewässerung funktionieren?
Ja! Außer zu pflanzen und immer wieder einmal zu mulchen, gibt es dort erstaunlich wenig zu tun. Die Hauptarbeit besteht vor allem aus: Ernten und genießen. Und natürlich ab und zu Schnecken absammeln. Starke Pflanzen kommen erstaunlich gut mit dem natürlichen Niederschlag aus. Selbst längere Trockenperioden können den Pflanzen nicht schaden. Und das bedeutet für die Menschen vor Ort vor allem eines: Die Gießkannen und Gartenschläuche können in den Ruhestand geschickt werden. Natürlich bedeutet das nicht, dass jedes Hügelbeet automatisch unter allen Bedingungen ohne Wasser auskommt. Entscheidend sind Aufbau, Standort, Bepflanzung, Boden und der richtige Umgang mit dem System. Aber genau darum geht es: Nicht das Gießen ist die Grundlage des Systems, sondern dessen Fähigkeit, mit dem vorhandenen Wasser zu arbeiten.
Welche Rolle spielen Beobachtung und Geduld?
Das ist die eigentliche Basis meiner gesamten Arbeit. Wir leben inzwischen in einer naturentfremdeten Gesellschaft, die vielfach in einer künstlichen Welt lebt und den Bezug zu natürlichen Prozessen verloren hat. Selbst die Landwirtschaft setzt sich teilweise über die Natur hinweg oder arbeitet gegen sie – mit entsprechenden Folgen. Deshalb musss das Naturgeschehen wieder stärker zum Bestandteil unseres Gärtnerns werden. Und dazu gehört eben Geduld. „Pflanzen wachsen nicht schneller, wenn wir daran ziehen.“ Eigentlich wissen wir das alle. Und trotzdem handeln wir oft genau anders. Wir wollen, dass etwas schneller wächst, dass ein Beet sofort fertig ist, dass ein Baum schnell groß wird, dass ein Garten sofort so aussieht, wie wir ihn uns vorgestellt haben. Aber die Natur lässt sich nicht beschleunigen. Wir können in der Natur nichts erzwingen. Auch mit Menschen braucht es Geduld. Prozesse können nicht beliebig übersprungen werden. Zuschauen – Abwarten – ist oft nicht leicht. Ich glaube aber, genau deshalb kann ein Garten so viel mehr sein als ein Ort für Gemüse. Er kann eine Schule für Geduld und Beobachtung werden.
Was hat die Arbeit mit der Natur mit den Menschen gemacht?
Das ist vielleicht einer der interessantesten Aspekte in den Gemeinschaftsgärten.
Ich beobachtete bei den Menschen mehr Sinn, Wertschätzung, Zufriedenheit und Bewusstseinsbereicherung. Wer selbst Gemüse anbaut, bekommt plötzlich einen anderen Blick auf Lebensmittel. Diese bekommen einen Wert, denn wir sehen die Arbeit, die notwendig ist, damit sie entstehen. Und diese Erkenntnis lässt sich sogar auf andere Handwerke und Dienstleistungen übertragen. Wir beginnen wieder zu verstehen, dass Dinge einen Wert haben, weil Menschen Zeit, Wissen und Arbeit hineinstecken. Gleichzeitig entsteht etwas besonders Wichtiges: Verbindung!
Schon nach wenigen Monaten wird klar, dass Gemeinschaftsgärten hervorragende Trainingsfelder für neue Gesellschaftsstrukturen sein können. Menschen müssen hier miteinander planen, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, Konflikte lösen und gleichzeitig gemeinsam etwas wachsen sehen. Das Gemüse ist dabei fast nur der Anlass.
Wie reagieren Menschen, wenn sie deine Hügelbeete zum ersten Mal sehen?
Interessanterweise reagieren viele Menschen zunächst mit: „Das ist aber schön.“
Meine Gärten haben organische Formen und fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Sie wirken gepflegt und ordentlich. 2015 sagte sogar einmal jemand zu mir: „Ihre Gärten sind viel zu schön für Permakultur.“ Das spielt auf das verbreitete Bild an, Permakultur müsse zwangsläufig wild und ungeordnet aussehen. Ich sehe das anders. Ich gestalte Gärten nicht in erster Linie aus ästhetischen Gründen. Meine Formen entstehen aus dem Ziel, die Arbeit möglichst stark zu erleichtern. Mein Ziel ist: „Gärtnern im Spaziergang.“ Die Wege, Formen und Pflanzungen sind so gestaltet, dass die Arbeit möglichst leicht von der Hand geht und wenn das Ergebnis gleichzeitig schön aussieht, ist das für mich ein willkommener Nebeneffekt. Denn ein Garten soll nicht nur den Bauch füllen, sondern auch Nahrung für Geist und Seele sein.

Hügelbeet mit Fülle an Nahrung (Copyright Karin Frank)
Was ist nach zehn Jahren aus den Gärten geworden?
Die Gärten sind immer noch da und funktionieren noch – beziehungsweise immer besser und die Menschen möchten sie nicht mehr missen. In Marquartstein ist der Gemeinschaftsgarten inzwischen sogar zu einem Wahrzeichen des Ortes geworden. Die Menschen dort sagen, sie könnten sich ihren Ortseingang ohne diesen Garten gar nicht mehr vorstellen. Für mich ist das ein schöner Beweis dafür, dass nachhaltige Gestaltung weit über die Frage hinausgehen kann, wie viel Wasser oder Arbeit ein Garten benötigt. Ein gut gestalteter Garten kann Teil der Identität eines Ortes werden.
Was hast du in zehn Jahren gelernt?
Die größte Herausforderung ist für mich nicht die Natur. Es ist der Mensch, denn Menschen lernt man erst mit der Zeit wirklich kennen. Deshalb achte ich heute stärker darauf, ob bei einem Projekt tatsächlich die Bereitschaft und die Möglichkeit vorhanden ist, langfristig gemeinsam zu arbeiten. Meine Begleitung endet schließlich nicht mit dem Anlegen eines Gartens. Ich begleite Menschen mindestens ein Jahr, meistens sogar mehrere Jahre. Das bedeutet auch: Gute Permakultur beginnt nicht nur mit einem guten Design. Sie braucht Menschen, die bereit sind, sich auf einen Prozess einzulassen.
Hat die Natur deinen Blick auf das Leben verändert?
Natur ist immer schön, immer faszinierend und immer wirksam. Aber wenn wir nicht nur Zeit in der Natur verbringen, sondern auch mit ihr arbeiten, wird sie zu einem faszinierenden und wundersamen Abenteuer – mit reichlich Überraschungen. Denn die Natur ist für mich die größte Lehrerin. Wir gärtnern nicht einfach so, „wie es im Buche steht“, sondern beobachten, was tatsächlich passiert. Es gilt, die Sprache der Natur und ihre Zeichen zu verstehen. Dabei macht die Natur keine Kompromisse – wenn wir sie ignorieren, bekommen wir die Konsequenzen zu spüren. Wenn wir sie jedoch verstehen und richtig mit ihr umgehen, kann sie uns dagegen immer wieder überraschen und belohnen.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Umbau der Welt zum Garten und mit Gärten die Welt verändern. Viele kleine Paradiese sollen entstehen, die irgendwann zu einem großen Ganzen zusammenwachsen.
Danke Karin für deine Worte. Und das alles ist gar nicht so weit von dem entfernt, worüber ich in dieser Kolumne immer wieder schreibe. Ein Garten ohne Gießen ist kein Garten, in dem der Mensch nichts mehr tun muss. Es ist ein Garten, bei dem wir unsere Zeit und Energie anders einsetzen. Weniger gegen die Natur – mehr mit ihr. Wir beobachten, statt ständig einzugreifen, wir speichern Wasser, statt immer neues Wasser zuzuführen, wir bauen Humus auf, statt nur Dünger auszubringen, wir schaffen Beziehungen zwischen Pflanzen, Boden, Tieren und Menschen, statt alles voneinander zu trennen.
Die wichtigste Lektion aus Karins zehn Jahren Erfahrung: Die Natur ist nicht unser Gegner, den wir überwinden müssen. Sie ist unsere größte Mitarbeiterin.


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