„Wo sollen die Pflanzen hin?“
Diese Frage höre ich oft. Sie ist verständlich – schließlich verbinden die meisten Menschen eine Gartengestaltung mit Blumen, Hecken, Terrassen oder einem schönen Rasen.
Doch ehrlich gesagt ist das für mich fast die letzte Frage.
Bevor ich auch nur einen einzigen Baum oder Strauch einzeichne, versuche ich etwas ganz anderes zu verstehen:
Wie funktioniert dieser Ort?
Denn ein Garten ist kein Möbelstück, das man dekoriert. Er ist ein lebendiges Ökosystem. Und wenn wir verstehen, wie dieses Ökosystem funktioniert, entsteht ein Garten, der nicht nur schön aussieht, sondern Jahr für Jahr besser wird.
Die meisten Gärten werden für heute geplant
Wenn heute ein Garten gestaltet wird, beginnt die Planung häufig mit Fragen wie:
- Wo soll die Terrasse hin?
- Welche Hecke gefällt Ihnen?
- Möchten Sie Rollrasen oder lieber Saatrasen?
- Welche Pflanzen sollen gepflanzt werden?
Natürlich sind das wichtige Fragen. Doch sie beantworten nur, wie ein Garten aussehen soll.
Sie beantworten nicht, wie ein Garten funktionieren wird. Ein funktionierender Garten ist mehr als eine schöne Ansammlung von Pflanzen. Er speichert Wasser, schafft Schatten, bietet Lebensraum, produziert Nahrung, gleicht Temperaturen aus und wächst mit den Jahren immer weiter zusammen. Genau deshalb beginne ich an einer völlig anderen Stelle.
Ich plane keine Pflanzen.
Ich plane Zusammenhänge.
Ein Garten besteht bei mir nicht aus einzelnen Elementen. Er besteht aus Beziehungen.
Zwischen Boden und Wasser.
Zwischen Sonne und Schatten.
Zwischen Mensch und Natur.
Zwischen den Pflanzen untereinander.
Zwischen Sommer und Winter.
Zwischen heute und den nächsten dreißig Jahren.
Diese Zusammenhänge entscheiden darüber, ob ein Garten dauerhaft funktioniert oder ob er jedes Jahr mehr Arbeit macht.
Das Erste, was ich sehe, ist nicht die Fläche, sondern der Wind.
Woher kommt der kalte Winterwind?
Wo entsteht im Sommer unangenehme Hitze?
Welche Ecke eignet sich als geschützter Sitzplatz?
Wo kann ein Baum in einigen Jahren Wind brechen und gleichzeitig Schatten spenden?
Denn Wind beeinflusst unser Wohlbefinden oft stärker als wir denken. Ein gut platzierter Baum kann einen Garten völlig verändern – nicht nur optisch, sondern auch klimatisch.
Danach schaue ich auf das Wasser.
Ich frage mich nicht: „Wo läuft das Wasser weg?“
Sondern: „Wie bleibt es hier?“
Regen ist kein Problem. Regen ist eine Ressource. Jeder Tropfen, der im Boden versickert, baut unser aller Grundwasser auf, versorgt die Pflanzen und kühlt somit die Umgebung. Jeder Tropfen, der in den Kanal fließt, fehlt später im Sommer den Pflanzen.
Deshalb denke ich schon bei der Planung darüber nach,
- wo Wasser versickern kann,
- wo Mulch den Boden schützt,
- wie Geländeformen Wasser bremsen,
- welche Pflanzen Feuchtigkeit speichern,
- wie Bäume langfristig den Wasserkreislauf verbessern.
Danach kommt die Sonne.
Viele Menschen beobachten ihren Garten an einem sonnigen Samstagmittag.
Doch ich frage mich:
Wo steht die Sonne im Juli um 16 Uhr?
Wo sitzt die Familie im Frühling?
Wo wird es im August zu heiß?
Wo fällt im Winter Licht ins Haus?
Wie soll sich der Garten in 10, 20, 50 Jahren anfühlen?
Ein Baum, der heute klein ist, verändert in zehn Jahren das gesamte Mikroklima eines Gartens. Deshalb plane ich immer auch die Zukunft.
Dann denke ich an die Wege.
Menschen bewegen sich selten so, wie Wege geplant wurden. Oft sieht man neunzig Grad Ecken an denen ganz natürlich Trampelpfade entstehen. Diese Trampelpfade sind der natürliche Energiefluss der Menschen. Sie bewegen sich einfach so, wie es sich natürlich anfühlt. Wer schon einmal über eine Wiese gelaufen ist, kennt diese kleinen Trampelpfade, die ganz von selbst entstehen. Sie zeigen oft besser als jeder Plan, wie Menschen Räume tatsächlich nutzen. Denn niemand geht neunzig Grad um eine Rasenecke und solche Winkel gibt es in der Natur auch gar nicht. Alle in der Natur ist rund, schwingt und biegt sich.
Ein gut geplanter Garten fühlt sich deshalb selbstverständlich an. Nicht, weil jeder Stein perfekt liegt. Sondern weil alles intuitiv funktioniert.
Danach frage ich:
Wie lebt diese Familie?
Hat sie kleine Kinder?
Einen Hund?
Möchte sie Gemüse anbauen?
Soll der Garten ein Rückzugsort sein?
Ein Treffpunkt?
Ein Spielplatz?
Ein Obstgarten?
Ein Naturgarten?
Ein Garten ist kein Ausstellungsstück.
Er ist ein Lebensraum.
Deshalb beginnt jede gute Planung mit den Menschen, die dort leben.
Ich denke nicht in Jahreszeiten.
Ich denke in Jahrzehnten.
Ein Garten entsteht nicht an dem Tag,
an dem die Bagger den Hof verlassen.
Eigentlich beginnt er dann erst.
Ein Obstbaum trägt vielleicht erst nach einigen Jahren richtig.
Ein Walnussbaum spendet in zwanzig Jahren wertvollen Schatten.
Der Boden wird jedes Jahr fruchtbarer.
Vögel ziehen ein.
Pilze vernetzen die Wurzeln.
Ein Garten wächst.
Deshalb plane ich nicht für das erste Foto nach der Fertigstellung.
Ich plane für die nächsten Jahrzehnte.
Schönheit ist wichtig.
Aber sie reicht nicht.
Viele moderne Gärten sehen am ersten Tag beeindruckend aus.
Doch was passiert fünf Jahre später?
Muss ständig gegossen werden?
Wächst die Hecke zu schnell?
Ist der Sitzplatz im Sommer zu heiß?
Fehlt Schatten?
Ist kaum Leben im Garten?
Ein wirklich schöner Garten wird mit den Jahren schöner.
Nicht, weil ständig nachgebessert wird.
Sondern weil er beginnt,
als Ökosystem zu funktionieren.
Funktionierende Gärten fühlen sich anders an.
Vielleicht kennst du solche Orte.
Du betrittst einen Garten und hast sofort das Gefühl:
Hier stimmt etwas.
Es ist angenehm kühl.
Vögel singen.
Bienen summen.
Es gibt Schatten.
Es riecht nach Erde.
Kinder spielen.
Obst hängt an den Bäumen.
Man möchte bleiben.
Dieses Gefühl entsteht nicht zufällig.
Es entsteht,
wenn viele kleine Zusammenhänge berücksichtigt wurden.
Ich glaube nicht an perfekte Gärten.
Ich glaube an lebendige Gärten.
Perfektion ist statisch.
Leben ist dynamisch.
Ein Garten verändert sich.
Pflanzen wachsen.
Kinder werden größer.
Bäume werfen mehr Schatten.
Neue Ideen entstehen.
Deshalb plane ich Gärten so,
dass sie sich entwickeln dürfen.
Was ich eigentlich gestalte
Oft werde ich gefragt:
„Bauen Sie auch Terrassen?“
Oder:
„Machen Sie auch Pflanzpläne?“
Natürlich gehören solche Dinge dazu, aber eigentlich gestalte ich etwas anderes. Ich gestalte Beziehungen:
Zwischen Wasser und Boden.
Zwischen Mensch und Landschaft.
Zwischen Nahrung und Artenvielfalt.
Zwischen Schatten und Lebensqualität.
Zwischen Gegenwart und Zukunft.
Denn genau dort entsteht ein Garten, der nicht nur heute funktioniert, sondern auch morgen und übermorgen.
Warum mir das so wichtig ist
Unsere Sommer werden heißer und Trockenperioden nehmen zu. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen einen Garten, der weniger Arbeit macht, mehr Lebensqualität bietet und vielleicht sogar einen Teil der eigenen Lebensmittel liefert.
Ich glaube, dass wir Gärten deshalb neu denken müssen. Nicht größer und auch nicht teurer – sondern intelligenter.
Die Natur zeigt uns seit Millionen von Jahren, wie funktionierende Systeme aussehen. Sie speichern Wasser, bauen fruchtbare Böden auf, schaffen Vielfalt, nutzen Sonnenenergie und produzieren keinen Abfall. Warum sollten wir unsere Gärten nicht nach denselben Prinzipien gestalten?
Mehr als Gartengestaltung
Ich sehe meine Arbeit deshalb nicht nur als Planung von Beeten, Wegen oder Terrassen.
Ich versuche, Orte zu gestalten, an denen Menschen gerne leben. Orte, an denen Kinder wieder Erdbeeren direkt vom Beet naschen, an denen Regen willkommen ist, an denen Vögel, Insekten und Menschen gleichermaßen einen Platz finden, an denen Schönheit und Funktion kein Widerspruch sind.
Denn ich bin überzeugt: Ein Garten kann weit mehr sein als ein Grundstück. Er kann ein kleines, funktionierendes Ökosystem sein und genau das ist mein Ziel.
Ich gestalte keine Gärten.
Ich gestalte funktionierende Ökosysteme.


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